Itzehoer Aktien Club

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Corona-Ökonomie 29.05.2020

Virologen geben Entwarnung: Die Seuche kommt zunehmend unter Kontrolle. Ökonomen hingegen sehen schwarz: Die Weltwirtschaft befindet sich als Folge der Corona-Maßnahmen im freien Fall, weit stärker als in der Finanzkrise 2009. Nicht nur der Konjunktureinbruch, auch der aus der Rettung der Wirtschaft folgende Anstieg der Staatsschulden ist historisch - vergleichbar nur mit dem in der Weltwirtschaftskrise 1930 oder im Zweiten Weltkrieg. Doch wer wird die Rettungs-Schulden in Billionenhöhe zurückzahlen? Und was bedeutet das langfristig für Kapitalanleger?

Nun, da wir es mit einer historischen Krise zu tun haben, kann bei der Abschätzung der Folgen ein Blick in eben diese Historie helfen:

Die deutsche Hyperinflation 1920-1923

Schon 1918 stand Deutschland als Verlierer des Ersten Weltkriegs vor hohen Schuldenbergen. Zusätzlich drückten Reparationszahlungen an die Siegermächte. Auch damals stellte sich die Frage: Wie soll dieses Geld jemals zurückgezahlt werden? Die Politik beantwortete das mit dem Griff zur Notenpresse. Mit fatalen Folgen: Da die Geldmenge viel schneller stieg als das ihr gegenüberstehende Angebot an Waren und Dienstleistungen, verlor das Geld zunehmend an Wert. 1920 bis 1923 kam es dann zur Hyperinflation. Anlegern in Sachwerten wie Gold, Immobilien und Aktien konnte der Wertverlust des Geldes nichts anhaben. Schließlich ließ die Inflation auch die Preise der Sachwerte entsprechend steigen. Die Aktienkurse stiegen zum Höhepunkt der Inflation allein im November 1923 um über 10.000%. Geldwerte wie Bargeld, Bank- und Versicherungsguthaben wurden hingegen wertlos. Da schon damals die meisten Deutschen ihr Erspartes genau in diesen Anlagen hielten, verarmten große Teile der Bevölkerung.

Aufgrund dieser traumatischen Erfahrung war die Krisenbewältigung mit der Notenpresse zu D-Mark-Zeiten jahrzehntelang ein Tabu. Seit der Euro- und Finanzkrise 2009 greift die Politik im Euro-Raum jedoch wieder ungeniert zur Notenpresse. Und zur Bewältigung der Corona-Krise tut sie das jüngst umso beherzter. Viele Experten fürchten daher erneut eine Inflation aufziehen. Doch was ist die Alternative?

Weltwirtschaftskrise 1930: Folge der Sparpolitik

Auch das beantwortet ein Blick in die Vergangenheit: Die Krisenbewältigung mit der Notenpresse war auch bei der in den USA ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise 1930 ein Tabu. Schließlich hatten auch die Amerikaner das katastrophale Ergebnis des deutschen Experiments nur wenige Jahre zuvor beobachtet und wollten auf keinen Fall den gleichen Fehler machen. Anstatt sich dem Wirtschaftseinbruch mit frisch gedrucktem Rettungs-Geld entgegenzustemmen, trat man den angehäuften Schuldenbergen durch eine rigide Sparpolitik entgegen. Leider mit ebenfalls verheerenden Folgen: Weil Geld zur Stabilisierung der Konjunktur fehlte, geriet die Wirtschaft immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Immer mehr Unternehmen konnten ihre Schulden nicht mehr bezahlen und gingen insolvent. Die Arbeitslosigkeit stieg auf ein Rekordhoch von fast 30%. Der Dow Jones erlebte zwischen 1929 und 1932 mit einem Verlust von fast 90% den stärksten Einbruch seiner Geschichte. Ein wahres Armageddon. Und eine Krise, die in Deutschland aufgrund der aus ihr erwachsenen hohen Unzufriedenheit der Bevölkerung zum Aufstieg der Nationalsozialisten und damit zum Zweiten Weltkrieg beitrug.

Doch auch daraus hat die Welt gelernt. Blickt man auf die Bewältigungsstrategien der letzten Jahre, von der Finanz- über die Euro- bis zur Corona-Krise, wird eines klar: Ein Szenario, wie in der Weltwirtschaftskrise 1930, will die Politik heutzutage in jedem Fall vermeiden. Anders lässt sich das stets sofortige Paratstehen mit neuen Rettungsmilliarden, notfalls auch frisch aus der Notenpresse, nicht deuten. Eher riskiert man Inflation, als weltweit Millionen Arbeitslose. Diese würden der Regierung ihre Quittung spätestens bei der nächsten Wahl präsentieren.

Der goldene Mittelweg: Finanzielle Repression

Gibt es zur Schuldenbewältigung denn keinen Mittelweg zwischen ungehemmter Rettungspolitik mit der Notenpresse samt Hyperinflation und totaler Wirtschaftskrise aufgrund rigider Sparmaßnahmen? Doch, den gibt es: Begangen wurde er bereits zwischen 1950 und 1980 von den USA und England. Beide Länder standen nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund der hohen Kriegskosten vor horrenden Schuldenbergen. Durch „finanzielle Repression“ schafften jedoch beide Staaten in den folgenden zwei bis drei Jahrzehnten den quasi vollständigen Abbau ihrer Staatsschulden. Allerdings auf Kosten ihrer Sparer. Das funktionierte so: Sowohl England als auch die USA sorgten über Einflussnahme auf ihre Notenbanken dafür, dass die Zinsen dauerhaft unterhalb der Inflationsrate lagen. Der Effekt ist ähnlich wie bei der Hyperinflation, allerdings zeitlich gestreckt und daher viel geräuschloser. Das verdeutlicht ein Rechenbeispiel: Wer 100.000 Euro Erspartes hat und dafür 0% Zinsen erhält wird gefühlt zwar nicht reicher, aber auch nicht ärmer.

Dummerweise trügt dieses Gefühl. Denn bereits bei niedriger Inflation von nur 2% sinkt die Kaufkraft des Ersparten nach einem Jahr auf nur noch 98.000 Euro. Man ist also sehr wohl ärmer geworden, auch wenn der Blick auf den Kontostand einem das nicht verrät. Selbst einen Verlust von 2% würde manch ein Sparer angesichts der vermeintlichen Sicherheit seines Geldes auf dem Bankkonto jedoch noch verschmerzen. Allerdings nur, wenn er nicht langfristig denkt. Denn bereits nach 10 Jahren sind die ursprünglichen 100.000 Euro bei 2% Inflation nur noch rund 82.000 Euro wert. Nach 20 Jahren nur noch rund 67.000 Euro. Und nach 30 Jahren hat sich der Wert des Ersparten nahezu halbiert. Gleiches gilt selbstverständlich für Schulden. Womit wir bei der zwar langwierigen, aber gerade deshalb auch relativ geräuschlosen Abtragung hoher Staatsschulden-Berge sind – auf Kosten aller Sparer in Geldwerten wohlgemerkt.

Corona-Ökonomie: finanzielle Repression 2.0

Die Corona-Krise und die mit ihr einhergehende erneute Explosion der Staatsschulden zementiert die Situation, wie wir sie bereits seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2009 haben: Seither drücken die Notenbanken weltweit die Zinsen ganz im Stile der anglo-amerikanischen finanziellen Repression der Nachkriegszeit nahe, oder wie in Deutschland sogar teilweise unter 0%, bei gleichzeitig schleichender Inflation. Schon in den letzten 10 Jahren haben Zins- und Versicherungssparer durch diese Neuauflage der finanziellen Repression einen schleichenden Wertverlust ihrer Ersparnisse erlitten. Vielen Anlegern ist dies aufgrund des langsamen Tempos jedoch kaum bewusst. Anleger in Sachwerten wie Gold, Immobilien oder Aktien profitieren hingegen bereits seit 2009 von der finanziellen Repression. Schlicht deshalb, weil die Inflation, auch wenn sie nur gering und schleichend ist, die Preise von Sachwerten steigen lässt. Und weil der Nullzins die Anlage des Ersparten in Zinsanlagen unattraktiv macht und damit die Nachfrage nach Gold, Immobilien und Aktien steigen lässt. Aktionäre profitieren zudem davon, dass die Rettungspolitik die Konjunktur stützt und ihre Unternehmen auch dank niedriger Zinskosten höhere Gewinne erwirtschaften. Kein Wunder also, dass sich die Aktienkurse seit 2009 zwischenzeitlich glatt verdreifacht haben.

Den neuen Rückenwind durch die Corona-bedingte Schuldenexplosion und die deswegen notwendige Wiederauflage der finanziellen Repression haben offenbar auch die meisten Aktionäre bereits erkannt. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Kurse trotz der historischen Wirtschaftskrise bereits wieder stramm auf Erholungskurs sind. Doch wenn klassische Zinsanlagen bei Banken und Versicherungen in den kommenden 10, 20 oder gar 30 Jahren aufgrund finanzieller Repression hohe kaufkraftbereinigte Verluste erwarten lassen, während Sachwerte, allen voran Aktien, Rückenwind erfahren, dann sollte man sich wohl besser heute als morgen in Qualitätsaktien positionieren. Temporäre Kursrückschläge, die die Chance zum günstigeren Einstieg bieten, sind zwar jederzeit möglich, aber keinesfalls garantiert. Willkommen in der Corona-Ökonomie!


Mit besten Grüßen


Ihr


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